KULTURBOYKOTT - 94 AutorInnen, FilmemacherInnen, MusikerInnen und Kunstschaffende rufen zum Kulturboykott Israels auf
Internationale Solidarität, The Palestinian Anti-Apartheid Wall Campaign, Dec 28, 2006
Am 15. Dezember 2006 veröffentlichte die britische Tageszeitung The Guardian einen offenen Brief, den 94 AutorInnen, FilmemacherInnen, MusikerInnen und Kunstschaffende aus aller Welt unterzeichnet haben. Sie rufen damit öffentlich zum Boykott des israelischen Kulturbetriebes auf und wählen dies als ihr Mittel des Protests gegen die Besatzung und das israelische Apartheidregime.
Die Initiative dazu ging von John Berger, einem britischen Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker aus. Sein Appell wurde von einigen der bekanntesten SchriftstellerInnen und KünstlerInnen weltweit aufgegriffen. Die praktische Umsetzung des Boykotts ist nun ebenso wichtig, wie die Erweiterung des Kreises der UnterzeichnerInnen.
Um den Aufruf zu unterzeichnen, wenden Sie sich bitte an info@bricup.org.uk
Es folgen
- Offener Brief und internationaler Aufruf zum Kulturboykott
- Die Liste der UnterzeichnerInnen (Stand 13. Dezember 2006)
- Anmerkungen John Bergers: Die Gründe für den Kulturboykott
- Die Presseerklärung von PACBI zum Kulturboykott
- Artikel und Hintergründe zum Kulturboykott
***DER INTERNATIONALE AUFRUF ZUM KULTURBOYKOTT***
Verfasst von John Berger, unterzeichnet von 93 FilmemacherInnen, KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und Kulturschaffenden aus Europa, Nord- und Südamerika, sowie PalästinenserInnen und Israelis; erschien im Guardian, am 15. Dezember 2006
„Im Libanon hält eine wackelige Waffenruhe, obwohl sie tagtäglich von den Überflügen israelischer Militärjets verletzt wird. Währenddessen setzt die israelische Armee ihre alltägliche Brutalität im Westjordanland und in Gaza weiter fort. Zehn PalästinenserInnen sterben im Verhältnis zu einem israelischen Toten; mehr als 200 PalästinenserInnen, darunter eine große Anzahl von Kindern, wurden seit Ende des Sommers getötet. Die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates werden gebrochen, die Menschenrechte systematisch missachtet, der Raub an palästinensischem Land geht weiter, Wohnhäuser und Ernten werden zerstört. Sowohl Erzbischof Desmond Tutu, als auch Ronnie Kasril, der frühere Kommandant des militärischen Flügels des ANC und heutiger Sicherheitsminister Südafrikas, der selbst der jüdischen Gemeinde angehört, bewerten die Zustände, unter denen die PalästinenserInnen heute zu leiden haben, als weit schlimmer als alles, was schwarze SüdafrikanerInnen unter dem Apartheidregime ertragen mussten. Unterdessen werden westliche Regierungen nicht müde, an Israels „legitimes Selbstverteidigungsrecht“ zu erinnern und liefern weiterhin Waffen.
Der Kampf gegen die Apartheid wurde in der Vergangenheit schon weitaus konsequenter geführt. Die internationale Antwort auf das Regime in Südafrika war ziviler Ungehorsam und eine Boykott- und Investitionsstoppkampagne. Schließlich verhängte die UNO Anti-Apartheid-Sanktionen, die einen Regierungswechsel ohne furchtbares Blutvergießen ermöglichten. Heute fordern uns palästinensische DozentInnen, SchriftstellerInnen, FilmemacherInnen und NGOs auf, nach dem historischen Vorbild der Anti-Apartheidbewegung einen Boykott der akademischen Institutionen und des Kulturbetriebs Israels zu beginnen, um einen neuen Weg in Richtung Gerechtigkeit und Frieden zu beschreiten. Ihr Ruf wurde auf der internationalen Ebene von den UniversitätsdozentInnen mehrerer europäischer Länder, von FilmemacherInnen und ArchitektInnen und auch von einigen mutigen israelischen DissidentInnen aufgenommen. Jetzt ist es an der Zeit, dass noch mehr Personen diese Kampagne unterstützen. Schon Primo Levi hat die Frage gestellt: „Wann, wenn nicht jetzt?“
Wir rufen alle SchriftstellerInnen und KünstlerInnen auf, unsere palästinensischen und israelischen KollegInnen zu unterstützen und den Boykottaufruf zu unterzeichnen. Der palästinensische Appell zum Kulturboykott ist unter www.pacbi.org abrufbar.
Keine Besuche, Ausstellungen oder Aufführungen mehr in Israel!“
DIE UNTERZEICHNERiNNEN
Dieser Aufruf zum Kulturboykott wird von folgenden Personen mitgetragen
(Stand 13. Dezember):
Aguirre, Carmen, (Dramaturgin)
Al Bayati, Hana (Filmemacherin)
Alcalay, Ammiel, (Dichter)
Alkadhi, Rheim (Künstlerin)
Aziz, Sylvat (Künstler)
Benner, Ron (Künstler)
Berger, John (Schriftsteller und Kunstschaffender)
Beverley, John (Schriftsteller)
Bove, Paul (Verleger und Schriftsteller)
Bresheeth, Haim (Filmemacher)
Brittain, Victoria (Schrifstellerin)
Budney, Jen (Kurator)
Cameron, Lindsley (Autorin)
Carew, Keggie (Künstler)
Casana, Manuel Molins (Dramaturg)
Chanan, Michael (Schriftsteller und Filmemacher)
Chirot, David-Baptiste (Künsterl/Schriftsteller)
Chrysakis, Thanos (Komponist)
Courtney, Andrew (Künstler)
Cox, Molly Hankwitz (Künstlerin und Schriftstellerin)
Creativity commons collective
D’Agostino, Ornella (Choreographin)
Davis, Matt (Musiker)
Deane, Raymond (Musiker)
Deutsch, Stephen (Komponist)
Dibb, Mike (Filmschaffender)
Donoghue, Ben (Filmschaffender)
Eno, Brian (Musiker)
Erfanian, Eshrat (Künstler)
Fiennes, Sophie (Filmemacherin)
Fisher, Jean (Schriftsteller)
Frere, Jane (Videokünstlerin)
Fried, Klaus (Filmemacher)
Galeano, Eduardo (Schriftsteller)
Ghaibah, Anas (Fernsehdirektor)
Ghossein, Mirene (Schriftstellerin und Verlegerin)
Gill, Rajdeep Singh (Kurator)
Gordon, Avery (Schriftsteller)
Greyson, John (Filmemacher)
Guillen, Maria Munoz (Tänzerin)
Halama, Henry (Künstler)
Hamka, Nada (Künstlerin)
Hashemi, Gita (Künstlerin)
Hassan, Jamelie (Künstlerin)
Huleileh, Serene (Tänzerin und Choreographin)
Humm, Maggie (Schriftstellerin)
Hussein, Reham (Übersetzerin)
James, Rob (Schriftsteller)
Jenik, Adriene (Medienkünstlerin)
Jimeno, Dolores (Schriftstellerin)
Joly, Magdalene (Tänzerin und Musikerin)
Kelani, Reem (SängerIn)
Karabelia, Vassia (Kunsthistoriker)
Kauff, Tarak (Schriftsteller)
Kaya, Mircan (Musiker)
Knupp, Rainer (Bewegungskünstler)
Kukovec, Dunja (Kunsthistorikerin)
Kumar, Vinod (Schriftsteller)
Lane, Joel (Dichter)
Levidow, Les (Schriftsteller und Künstler)
Loshitzky, Yosefa (Schriftstellerin)
Lozano, Rian (Kurator)
Malinowitz, Harriet (Schriftstellerin)
Marlat, Daphne (Schriftstellerin)
Masri, Hala (Theaterkoordinatorin)
Matelli, Federica (Kuratorin)
McCaughey, Peter (Künstler)
Metcalfe, Rohelia Hamilton (Filmemacherin)
Miyoshi, Masao (SchriftstellerIn)
Montagnino, Carlo (Künstler)
Morgan, Jenny (Filmemacherin)
Muntadas, Antoni (Künstler)
Naguib, Fabiola Nabil (Kuratorin)
Neufeldt, Brigitte (Künstlerin)
Nunez, Alejandra Perez (Klangkünstlerin)
Ostrow, Saul (Kritiker und Kurator)
Pangbourne, Annabelle (Komponistin)
Parker, Cornelia (Künstlerin)
Pennell, Miranda (Filmemacherin)
Radhakrishnan, R (Schriftsteller)
Rosselson, Leon (Liedermacher und Autor)
Roy, Arundhati (Schriftstellerin)
Rubin, Andrew (Schriftsteller)
Salloum, Jayce (Künstler)
Sampaio, Miriam (Künstlerin)
Samuel, Julian (Schriftsteller)
Sances, Jos (Künstler)
Saraste, Leena (Fotografin)
Sarlin, Paige (Filmemacherin)
Scordìa, Cinzia (Performancekünstlerin)
Serra, Toni /Abu Ali (Videomacher)
Shammas, Anton (Schriftsteller und Filmemacher)
Shibli, Ahlam (KünstlerIn)
Shiri, Keith (Kurator)
Simons, Patrick (Komponist)
Smith, John (Künstler und Filmemacher)
Solt, John (Dichter)
Somes-Charlton, Chris (Theaterregisseur)
Soueif, Ahdaf (Schriftstellerin)
Staikou, Evi (KünstlerIn)
Suleiman, Elia (Filmemacher)
Sureda, Joseph Ramis (Tänzer)
Szpakowski, Michael (Komponist)
Tres (KünstlerIn)
Tudela, Ana Navarrete (Künstlerin)
Valldosera, Eulalia (KünstlerIn)
Van Zwanenberg, Roger (Herausgeber)
Walkley, Ron (Architekt)
Ward, David (Komponist)
Younghusband, Gene (Medientheoretiker)
Zangana, Haifa (Schriftstellerin)
Um diesen Aufruf zu unterzeichnen, kontaktieren Sie bitte: info@bricup.org.uk
***PERSÖNLICHE ANMERKUNGEN JOHN BERGERS ZUM KULTURBOYKOTT***
Ich möchte dem internationalen Appell von DozentInnen, Intellektuellen und KünstlerInnen zum Kulturboykott gegen den Staat Israel, zu dem zuvor mehr als 100 palästinensische AkademikerInnen und KünstlerInnen aufgerufen hatten und der – was ich für sehr wichtig halte – auch von einigen bekannten israelischen Persönlichkeiten mitgetragen wird, die sich offen gegen die illegale Besetzung des palästinensischen Westjordanlandes und des Gazastreifens durch ihren Staat aussprechen, einige persönliche Anmerkungen hinzufügen. Der internationale Appell befindet sich im Anhang zusammen mit meinem Bild „After Guernica“. Ich hoffe, dass auch Du den Appell unterzeichnen wirst, der in Kürze in britischen Tageszeitungen veröffentlicht werden wird.
Boykott ist eine Form aktiven Protestes gegen zwei Arten von AUSNAHMEN, die trotz vielfältigster Arten des Protestes gegen sie, nun schon seit 60 Jahren praktiziert werden. Dass heißt über nahezu drei Generationen.
Während all dieser langen Zeit hat Israel sich von der internationalen Verpflichtung AUSGENOMMEN, die Resolutionen der UNO bzw. die Entscheidungen internationaler Gerichtshöfe zu achten und umzusetzen. Bis zum heutigen Zeitpunkt missachtet Israel 246 UN-Resolutionen!
Als direkte Konsequenz daraus folgte, dass sieben Millionen PalästinenserInnen davon AUSGENOMMEN wurden, ihr Recht auszuüben, auf jenem Land zu leben, das international als das ihre anerkannt ist so wie sie es wollen; heute wird mit jeder Woche die vergeht, ihr Recht auf eine Zukunft als palästinensische Nation überhaupt mehr und mehr in Frage gestellt.
Wie schon Nelson Mandela deutlich gemacht hat, kann Boykott nicht das Grundprinzip unseres Handelns sein. Er ist vielmehr eine Taktik, die nur unter bestimmten Umständen angewandt wird. Boykott ist ein Mittel, das es Menschen ermöglicht, auch ohne Unterstützung ihrer gewählten, aber oft zögernden Regierungen einen gewissen Druck auf jene auszuüben, die nach der Meinung der Boykottierenden ungerecht und falsch handeln. (Dieser Bruch mit den grundlegendsten menschlichen Werten wurde gestern in Südafrika und wird heute durch Israel in den rassistischen Code der Apartheid gegossen).
Zu boykottieren ist nicht das Grundprinzip unseres Handelns. Wäre es dies, dann liefe ein Boykott Gefahr, selbst diskriminierend und rassistisch zu werden. Daher sollte sich unserem Verständnis nach kein Boykottaufruf gegen eine bestimmte Person, ein Volk oder eine Nation als solche wenden. Ein Boykott richtet sich gegen eine bestimmte Politik und jene Institutionen, die diese umsetzten, entweder aktiv oder durch stillschweigende Zustimmung. Ziel des Boykotts ist es nicht auszuschließen, sondern eine Veränderung herbeizuführen.
Wie kann ein Kulturboykott umgesetzte werden? Ein Konsumboykott, bei dem es um bestimmte Produkte geht, ist wesentlich einfacher, aber in unserem Fall wäre er wohl eine weit weniger effektive Protestform. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Boykott greift, ist absolut zentral, denn die Situation verschlimmert sich Monat für Monat (und genau aus diesem Grund halten sich einige der mächtigsten Männer dieser Welt bedeckt und hoffen auf das Schlimmste).
Wie sollte ein Boykott angewandt werden? Für AkademikerInnen ist das wesentlich klarer: Einladungen von den betreffenden staatlichen Institutionen werden unter klarer Angabe von Gründen abgelehnt. Wenn aber SchauspielerInnen, MusikerInnen, JonlgeurInnen oder PoetInnen eingeladen werden, kann sich die Sache etwas komplizierter gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass uns eine standardisierte Vorgangsweise in dieser Frage nicht weiterbringt. Jeder Entscheidung sollte eine persönliche Einschätzung und Analyse vorausgehen.
Dazu ein Beispiel: Ein bedeutender israelischer Mainstream-Verlag schlägt mir die Veröffentlichung von dreien meiner Werke vor. In diesem Fall boykottiere ich und lehne das Angebot mit einer ausführlichen Erklärung meiner Gründe ab. Andererseits gibt es einige kleine und am Buchmarkt unbedeutende israelische Verleger, deren erklärtes Ziel es ist, Austausch und Brückenschlag zwischen AraberInnen und Israelis zu fördern. Wenn einer dieser Verlage an mich heranträte, würde ich keinen Moment zögern und der Veröffentlichung meiner Werke zustimmen. Darüber hinaus wäre ich sogar bereit, auf meine Autorenrechte verzichten. Ich erwarte mir aber von anderen SchriftstellerInnen, die den Boykott mittragen keineswegs, dass sie sich zur selben Vorgangsweise entschließen. Es geht hier nur darum, ein Beispiel anzuführen.
Das Wichtigste ist, dass wir diesen Protest, zu dem wir uns entschlossen haben, gemeinsam tragen, dass wir dafür Öffentlichkeit schaffen, dass wir die Mauer des Schweigens durchbrechen und die Duldungshaltung jener durchkreuzen, die von sich behaupten, in unserem Namen zu handeln. Mit unseren Protest können wir durch unser gemeinsames Handeln vielmehr jenen unzähligen Menschen eine Stimme geben, die von den Ereignissen der letzten Monate zutiefst schockiert sind, aber nicht die Möglichkeit haben, ihrer Entrüstung Ausdruck und Nachdruck zu verleihen.
John Berger
***PRESSEERKLÄRUNG von PACBI (The Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel) vom 15. Dezember 2006***
„John Berger und 93 weitere AutorInnen, FilmemacherInnen, MusikerInnen und Kunstschaffende rufen zum Kulturboykott gegen Israel auf“
PACBI gibt bekannt, dass in einem offenen Brief, der in der heutigen Ausgabe des Guardian erscheinen wird, 94 KünstlerInnen, unter ihnen so bekannte Namen wie der Schriftsteller John Berger , die englischen Musiker und Liedautoren Brian Eno und Leon Rosselson; die Filmschaffenden Sophie Fiennes, Elia Suleiman und HaimBresheeth; die Dokumentarfilmerin Jenny Morgan; die Sängerin Reem Kelani, die SchriftstellerInnen Arundhati Roy, Ahdaf Soueif und Edurardo Galeano, ihre KollegInnen aufrufen, nicht länger in Israel künstlerisch tätig zu werden, aufzutreten oder auszustellen.
Diese Initiative greift den Appell palästinensischer FilmemacherInnen, KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und Kulturschaffender auf, der schon im August 2006 zum Boykott israelischer Kulturinstitutionen aufgerufen hatte.
Siehe http://www.stopthewall.de
Siehe http://www.pacbi.org/boycott_news_more.php?id=315_0_1_0_C
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