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AL WALAJA - Bulldozer zerstören beim Mauerbau uralten Wald des Klosters Cremisan nahe Bethelehm
Aktuell, The Palestinian Anti-Apartheid Wall Campaign, Aug 19, 2007

Am 15. August rollten monströse gepanzerte Bulldozer im Dörfchen Al Walaja ein. Die kleine Gemeinde unweit der Sehenswürdigkeiten Bethlehems im südlichen Teil des besetzten Westjordanlandes ist seit Jahren Zielscheibe der Hauszerstörungspolitik der Besatzungsmacht. Mehr als 17 Wohnhäuser und zahlreiche Hütten und Ställe wurden seit Beginn der israelischen Besatzung vor 40 Jahren in Trümmer gelegt. Doch diesmal kamen die Bulldozer nicht, um ein Haus einzureißen. Diesmal fuhren sie geradewegs in den uralten Wald am Dorfrand.

Oben: Anstatt Waldboden unter den Füßen zu spüren versinken die Kinder jetzt in staubfeiner Erde, die der Wind bald weggetragen haben wird. Die Erosion wird es auf lange Zeit verhindern, dass hier wieder Bäume wachsen.
Riesige Kiefern, Eichen und beinahe undurchdringliches Unterholz dehnen sich hinter der ersten Häuserzeile an der Dorfstraße bis ins Tal hinunter aus. Im waldarmen Palästina haben diese Flecken unberührter Natur besonderen Stellenwert. Seit jeher war dieser Wald Spielplatz für die Kinder, ein Ort der Entspannung für die Erwachsenen und außerdem die grüne Lunge des Dorfes. Doch nun wurde ein großer Teil dieses grünen Paradieses vernichtet. In nur wenigen Stunden hatten es die Bulldozer und Motorsägen in ein staubiges Stück Wüste verwandelt. Mehr als 300 Bäume wurden gefällt. Insgesamt sollen noch weitere 2000 dem Mauerbau zum Opfer fallen. Eine bis zu 80 m tiefe Schneise haben die Baumaschinen bereits in den Wald hineingefressen. Anstatt Pinien und Kiefern dehnt sich nun eine Staubpiste entlang der Hinterhöfe aus. Hier wird die Apartheidmauer bis dicht an die Hauswände herankriechen.

Entweder als Mauer aus bis zu 12 m hohen Betonelementen oder als bis zu 100 m breite Anlage aus elektrisch geladenen Zäunen, übereinandergetürmten Stacheldrahtrollen, Militärstraßen und Gräben konzipiert, wird die Apartheidmauer das gesamte Dorf Al Walaja von allen Seiten her einschließen. Es wird damit von der Außenwelt abgeschnitten und verliert zudem die letzten Grundstücke, die landwirtschaftlich genutzt werden können, nachdem der überwiegende Teil des Dorflandes bereits im Zuge der Massenvertreibung 1948 verloren ging und weitere Teile für den Bau illegaler zionistischer Siedlungen in der besetzten Westbank zwangskonfisziert wurden.

Oben: VORHER - Dieser Wald reichte bis vor wenigen Tagen bis an die erste Häuserzeile Al Walajas heran.
Oben: Auch dieser Baum im Wald des Klosters Cremisan soll wegen der Mauer fallen.


Der Wald, der für den Mauerbau um Al Walaja gerodet wird, liegt auf den Grundstücken des Salesianerklosters Cremisan, das auch für seine Weinkellerei bekannt ist. Das von italienischen Mönchen und Schwestern geführte Anwesen wurde 1883 gegründet und ist damit jünger als viele der Bäume, die in den vergangenen Tagen gerodet wurden. Die BewohnerInnen al Walajas wurden von der Besatzungsmacht bis heute nicht darüber in Kenntnis gesetzt, wo genau die Mauer um ihr Dorf herum verlaufen wird. Im Gegensatz dazu wurde der katholischen Kirche in Jerusalem von den israelischen Behörden angeboten, darüber zu verhandeln, ob Cremisan nördlich oder südlich der Mauer verbleiben solle. Das Kloster scheint seine Wahl getroffen zu haben.

Oben: NACHHER - Wenn die Bulldozer weg sind, bleiben nur Trümmer und Wüste.


Eine neue Straße wird es nach Norden hin an die zionistischen Siedlern vorbehaltene Schnellstraße anbinden. Die Mauer, die in einer Schleife südlich um das Anwesen herumgeführt wird, zertrennt nun die historischen Bande Cremisans mit Bethlehem und Umgebung. Die Wahl des Klosters, auf der Seite der zionistischen Siedler zu bleiben, bringt auch die stillschweigende Duldung der Zwangsenteignung der letzten landwirtschaftlich nutzbaren Flächen mit sich, die Al Walaja noch geblieben sind und die - hätte sich Cremisan dazu entschlossen, auf der Seite der PalästinenserInnen zu bleiben - dem Dorf hätten erhalten werden können. Dieses Land wäre dann nämlich innerhalb der eingemauerten Enklave verblieben.

Oben: Einer von 300 Bäumen, die am 15. August in Al Walaja für den Bau der Apartheidmauer gerodet wurden.


Das Mauergetto Al Walaja wird nur einen einzigen Ausweg haben. Dieser wird in Form eines Tunnels gestaltet, der die PalästinenserInnen unter die Erde zwingt, während an der Oberfläche die zionistischen Siedlungen ungehindert weiter auf palästinensischen Grundstücken expandieren können. Die Besatzungsmacht hat angekündigt, die Siedlungen Gilo und Har Gilo zu verschmelzen. Sie sollen in einer gigantischen Klammer das gesamte Dorf umfangen und es langsam erdrücken. Durch die Schaffung unerträglicher Lebensbedingungen im Getto hofft die Besatzungsmacht, die PalästinenserInnen zum Abwandern zu zwingen. Dann wäre es ein leichtes, sich den kleinen Flecken Land, der al Walaja geblieben ist, auch noch in die Siedlung aufzusaugen. Die Pläne der Besatzungsmacht zum Ausbau der Siedlungen in der südlichen Westbank sind gewaltig: Von Jerusalem bis nach Etzion im Süden soll sich eine durchgehende Megasiedlung durch die südliche besetzte Westbank ziehen, und dieser die Westflanke abreißen.

Oben: Der aus Kiefern, Eichen und einer Vielzahl mediterraner Hölzer bestehende Wald ist älter als das Kloster Cremisan selbst. Noch mehr als 2000 Bäume sollen in den kommenden Tagen der Mauer zum Opfer fallen.


In al Walaja haben sich diesen Freitag DorfbewohnerInnen zum zweiten Mal versammelt, um gemeinsam gegen die Zerstörung des Waldes und den Mauerbau zu protestieren. Etwa 80 DorfbewohnerInnen und 50 internationale UnterstützerInnen waren auf der Hauptstraße zusammengekommen. Das Freitagsgebet wurde unter offenem Himmel und den argwöhnischen Blicken der Besatzungstruppen abgehalten, die auf einer Anhöhe vor der Absperrung der Siedlung Har Gilo positioniert worden waren. Nach dem Gebet und der Ansprache des Imam zog die Demo los zum Ort der Verwüstung. Unter wehenden Fahnen brachten die VertreterInnen des lokalen Basiskomitees gegen die Mauer und des Gemeinderates ihre Trauer über die Zerstörung des einzigartigen Biotops zum Ausdruck, in und mit dem sie aufgewachsen waren. Sie verlangten Antworten von Seiten der Katholischen Kirche. Warum nur hatte sie zugestimmt, dass die Mauer das Kloster vom Dorf abtrennen sollte?

„Diese Mauer ist wie eine Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe, von der wir alle betroffen sind. Sogar unsere ungeborenen Kinder sind zu einem Leben hinter Gefängnismauern verurteilt,“ fasst eines der Mitglieder des Dorfkomittees die Situation treffend zusammen. „Aber auch wenn sie uns weiterhin wie verurteilte Schwerverbrecher behandeln, werden wir unser Land nicht im Stich lassen. Wir bleiben in al Walaja.“

Oben: Das lokale Basiskomitee gegen die Mauer organisiert die Proteste gegen die Einmauerung Al Walajas in ein winziges Getto.


Diese ungebrochene Entschlossenheit war denn auch deutlich spürbar, als die DemonstrantInnen weiter den Hügel hinauf und den Besatzungssoldaten entgegenzogen. Zurückgelassen hatten sie aus Steinen und Ästen zusammengebaute symbolische Bockaden gegen die Bulldozer, die schon am Sonntag dem 19. August ihr Zerstörungswerk wieder aufnehmen werden. Als der Demozug bei den Soldaten ankam, entwickelte sich eine gespannte Situation. Die DemonstrantInnen wollten bis zu jenem nach wie vor von einer palästinensischen Familie bewohnten Haus vorgelassen werden, das völlig isoliert vom Dorf innerhalb des Siedlerzaunes liegt. Im dichten Gedränge zwischen Besatzungstruppen und ProtestteilnehmerInnen schubsten und boxten die Soldaten wild drauf los. Auf eine der AktivistInnen des Dorfkomitees hatten sie es besonders abgesehen. Bei dem Versuch, sie von den Soldaten abzuschirmen, wurde ein Demonstrant durch Schläge in den Bauch so schwer getroffen, dass er von anderen weggetragen werden musste. Im Tumult stürzten Soldaten im abschüssigen Gelände über die DemonstrantInnen. Die Situation war äußerst angespannt, doch plötzlich brachen Sprechchöre los, die von rhytmischem Klatschen begleitet wurden: „Nein zur Mauer, nein zur Zerstörung unseres Waldes!“ und „der Widerstand in Al Walaja geht weiter! Wir bleiben auf unserem Land“.

Von nun an werden in Al Walaja jeden Freitag Protestveranstaltungen stattfinden, mit denen die BewohnerInnen der Dörfchens Brücken zu UnterstützerInnen in Palästina und in der ganzen Welt schlagen wollen, um die Zerstörung eines weiteren Stück Palästinas zu verhindern.

Oben: „Nein zur Hauszerstörungspolitik und zur Rodung des Waldes durch die Besatzungsmacht,“ schreibt das Dorfkomitee auf seinem Transparent. Schwer bewaffnete Besatzungssoldaten beobachten die Protestkundgebung.


Oben: Jung und alt ziehen gemeinsam vom zerstörten Wald hin zu jener palästinensischen Familie, die innerhalb der zionistischen Siedlung eingezäunt wurde.


Oben: Die Mauer (rot) wird Al Walaja komplett einschließen. Weiter zur GESAMTKARTE BETHLEHEM


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