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Stimmen aus Palästina
Abed Allah Ahmad Imar - Azzun Atma: Jahrzehnte des Widerstands gegen Landbeschlagnahme und Siedlungen
Stimmen aus Palästina, The Grassroots Palestinian Anti-Apartheid Wall Campaign, Mar 13, 2005
Abed Allah ist mit der Verantwortung für den Schutz des Landes seiner Gemeinde und im Widerstand gegen die Siedlungen sechzig Jahre alt geworden. In Zusammenarbeit mit den Land Defense Committees kämpft Abed Allah seit den achtziger Jahren gegen die Beschlagnahme palästinensischen Landes durch die Besatzungsmacht. Diese hatte Mitte der achtziger Jahre 86 dunum (86000 qm) vom Land Abed Allahs Familie für den Bau der israelischen Siedlung Sha'are Tiqva beschlagnahmt. Im letzten Jahr hat das Dorf Azzun durch den Bau der Apartheidmauer noch mehr Land verloren. Hier sein Bericht:
"Durch die Mauer sind mir von den 48 dunum meines verbliebenen Landes 38 dunum gestohlen worden. In Azzun Atma war das gesamte Land mit Olivenbäumen bepflanzt. Pro dunum sind es 50 Olivenbäume. Zusammen macht das 1900 Olivenbäume, von denen viele schon zu Zeiten der Römer standen. Die Ironie ist, dass ich nach dem Bau der israelischen Siedlung eine Genehmigung brauchte, um mein Land dort zu erreichen, und seit die Mauer da ist, benötigte ich eine weitere Genehmigung, um das isolierte Land dahinter zu erreichen. Jetzt geben sie mir weder für das eine noch für das andere eine Genehmigung."
Zutrittsbewilligungen und fortwährende Demütigung
Abed Allahs Erfahrung mit den Passierscheinen ist die eines langen und bitteren Kampfes:" Nachdem sie mein verbliebenes Land hinter die Mauer abgeriegelt hatten, holte ich mir eine Zutrittsgenehmigung und zog nach Azzun Atma um. Ursprünglich komme ich aus Beit Amin, meine Frau und meine Kinder sind noch dort. Von da an lebte ich in einer Hütte auf meinem Acker. Sie [die Besatzungsmacht] gaben meiner Frau eine Genehmigung nach Azzun Atma zu kommen und mich dort zu besuchen. Wir benötigten zwei Jahre, um die Genehmigung für sie zu bekommen, dabei sind Azzun Atma und Beit Amin nur einen Kilometer von einander entfernt. Man brauchte nur fünf Minuten, um von der einen Seite auf die andere zu laufen, aber jetzt dauert es drei Stunden, um durch das Tor an der Mauer zu kommen. Das heißt, wenn sie uns überhaupt reinlassen. Manchmal dauert es einen halben Tag. Wenn die Israelis sie nicht reinlassen wollen, sehe ich sie gar nicht.“
Die Mauer ist zum Symbol für den anhaltenden Prozess der Landbeschlagnahme und der Zerstörung des palästinensischen Lebens geworden. Aber die Geschichte endet damit nicht. Durch tägliche Schikanen versucht die Besatzungsmacht, jeden Aspekt des palästinensischen Lebens zu regeln und zu kontrollieren:
"Während des `Eid [wichtigstes Fest im muslimischen Jahr, d.Ü.] des Winters 2004 kamen Besatzungsoffiziere zu uns und sagten, ein Junge hätte einen Stein auf einen Militärjeep geworfen. Sie sammelten alle Jungen ein und begannen zu untersuchen, wer den Stein geworfen hatte. Dann zeigte ein Soldat plötzlich auf eines der Mädchen. Zwischen uns und dem Jeep lagen aber ungefähr 150 Meter. Wie hätte ein Stein aus dieser Entfernung treffen sollen? Wenn ein Hund oder ein Wildtier die Mauerdrähte berührt [und die Sensoren anschlagen, d.Ü.], kommen die Soldaten und drangsalieren die Leute. Glauben die, ich wäre ein Wachmann der Mauer?"
"Izbat Salman wird durch die Mauer in zwei Teile geteilt; um den Teil hinter der Mauer zu erreichen, benötigt man eine Zutrittsbewilligung. Um 8 Uhr morgens lassen sie uns durch das Tor gehen. Dann muss man hinter der Mauer warten, bis die Besatzungssoldaten zurückkommen. Wenn man sie verpasst, dann sitzt man hinter der Mauer fest. Wenn die Soldaten dich reinlassen, sagen sie dir, du hättest eine Stunde Zeit, manchmal auch zwei oder fünf. Das hängt ganz von ihrer Laune ab."
"Ich bin überzeugt davon, dass sowohl das beschlagnahmte als auch das schon durch die Mauer abgetrennte Land zur Gänze für die Expansion der Siedlungen dienen wird. Wenn sie aber offen sagen würden, dass das Land für Siedlungen bestimmt ist, gäbe es viele Proteste. Deshalb sagen sie, es wäre für die Sicherheit und all die anderen Rechtfertigungen. Schritt für Schritt werden sie alles beschlagnahmen und annektieren, was sich hinter der Mauer befindet."
Was ist für Azzun Atma geplant?
Abed Allah erklärt es: "Azzun Atmas Lage behindert die Ausdehnung der Siedlung Sha'are Tiqva nach Westen und jene Oranits nach Osten. Das Dorf liegt in der Mitte. Nach Süden liegt ein Tal, wo die beiden Siedlungen mit der sogenannten "Trans-Israel"- Umfahrungsstraße [Apartheidstrasse, deren Benutzung den PalästinenserInnen verboten ist, d.Ü.]verbunden sind. Wenn sie es [das Dorf] mit der Mauer umgeben, müssten sie die beiden Siedlungen trennen und das wollen sie auf keinen Fall. Aber sie werden auch nicht zulassen, dass Azzun Atma einfach so zwischen ihnen bleibt.“
Abed Allah sagt, dass es bei der verstärkten Siedlungstätigkeit im Bezirk Qalqiliya ebenso um die Kontrolle des Wassers geht, wie um die des Landes. "Es gibt 7 Grundwasserbrunnen in der Gegend. Es handelt sich um das größte Wasservorkommen zwischen Jenin und Hebron, von Wadi Qana bis Wadi Matwiya in den Bezirken Qalqiliya and Salfit. Sie haben sieben Siedlungen in dieser Gegend gebaut, die sie die sieben Sterne nennen: Kokhav Ya’ir nördlich von Qalqiliya, Alfe Menashe südlich von Qalqiliya, Qarne Shomron nach Osten, Emmanuel, sowie Sha’are Tiqva, Oranit und Ale Zahav. Alle sieben Siedlungen sind im Wassergebiet gebaut worden. Sie nennen die Siedlungen die sieben Sterne, denn sie sehen sie als Schatz für die Israelis."
Die Mauer und die Fiktion von einem "lebensfähigen Staat"
"Die Mauer wird sich im Westjordanland über 700 km erstrecken. Etwa ein Viertel des Westjordanlands wird hinter der Mauer annektiert werden und ein weiteres Viertel wird durch die Annexion der Siedlungen [an Israel] verloren gehen. Was bleibt übrig für den großartigen Staat?! Sie teilten Palästina [UN-Teilungsplan von 1948, d.Ü.], und damals sagten sie, es werde zwei Staaten geben, wo wird dieser Staat nun sein? Auf 20 Prozent oder 15 Prozent unseres Landes? Ich möchte wissen, wo die Grenzen dieses Staates sein werden. Welche Größe wird er haben? Wie kann er 'lebensfähig' sein?"
"Um die Stadt Qalqiliya hat die Mauer die schlimmsten Verwüstungen angerichtet. Sie ist ein von Mauern und Stacheldraht umgebenes Gefängnis mit nur einem Tor. Wenn die Soldaten sich entschließen es zuzusperren, sind etwa 50000 Menschen darin eingeschlossen. Von Qalqiliya aus erstreckt sich die Mauer bis Habla, schneidet dann weiter nach Osten ein, schließt sich um Qalqiliya-Stadt, damit die Siedlung Alfe Menashe [an Israel] annektiert werden kann.
Sie mauerten Qalqiliya ein, bohrten ein Loch [in die Mauer, d.Ü.] und nannten es Tunnel. Für mich ist es ein Loch. Kein Loch kontrolliert eine Stadt oder ein Dorf so, wie jenes zwischen Habla und Qalqiliya. Wenn die Besatzer verärgert sind, schließen sie das Loch und damit hat sich's. Die Mauer entzieht den Dörfern jede Ausdehnungsmöglichkeit. Gleichzeitig expandieren die israelischen Siedlungen. Genau das passierte in Habla. Sie haben es für die Ausdehnung von Alfe Menashe mit Mauern umringt. Wo die Mauer Wadi Qana erreicht, errichteten sie eine große Brücke zwischen Izbat Salman und Beit Amin. Als es letztens regnete, verursachte der Wall eine Überschwemmung und wir sind fast ertrunken, und alles wegen der Mauer.
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