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Stimmen aus Palästina
MIT KINDERAUGEN - Die Mauer aus der Sicht palästinensischer Kinder
Fotos, The Palestinian Anti-Apartheid Wall Campaign, Feb 6, 2007

Diese Bilder und Texte zeigen die Erfahrungswelt palästinensischer Kinder, die Tag für Tag mit der Apartheidmauer und der israelischen Besatzung konfrontiert sind.

Diese Zeichnungen der Kinder von Nazlet Issa, die ihren Alltag wiedergeben, gehören zu den genuinsten Ausdrücken des Leidens unseres Volkes und seiner Entschlossenheit, für die Befreiung zu kämpfen. Sie zeigen die tiefe Verwurzelung unserer Seelen mit dem Land und mit dem Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit.

Oben: Bild von Mahmoud, 11 Jahre


Nazlat Issa liegt im Norden der Westbank nahe der Grünen Linie. Das Dorf ist seit 1948 geteilt, 1967 geriet auch die zweite Dorfhälfte unter Besatzung, jedoch hat die Dorfgemeinschaft die Beziehungen innerhalb des Ortes bis heute erhalten.

In einem Versuch, die Einheit unter den PalästinenserInnen auf beiden Seiten der Waffenstillstandslinie zu zerstören, errichtete man die Mauer genau in der Mitte des Dorfes und schnitt damit Familien und Nachbarn voneinander ab, trennte Ladeninhaber von ihren Kunden, Menschen von ihren Arbeitsplätzen und Kinder von ihren Schulen. 216 Geschäfte und Häuser an der Mauer wurden abgerissen. 600 der ehemals 1200 Läden am Marktplatz mußten schließen.

Die verheerenden Folgen dieser Politik sind überall spürbar. Die Kinder des Dorfes wurden ihrer Kindheit beraubt, ihr Leben ist für immer verändert.


Oben: Graffiti: "Weg mit der Mauer! Die Freiheit ist unser! Jerusalem ist arabisch! Wir wollen Freiheit für alle! Freiheit für unsere Familien! Wir sehen uns in der Zukunft!"


"Es war ein sonniger und schöner Tag, als die Soldaten begannen, die Häuser um Nazlet Issa herum abzureißen. Sie zerstörten die Häuser, die den Bau der Mauer behinderten und die ihr im Weg standen. Sie begannen gleich morgens. Von diesem Moment an verdunkelte sich alles in meiner Erinnerung.

Die schönen Dinge waren auf einmal nicht mehr so schön wie zuvor und während das israelische Militär mit seinen Zerstörungen fortfuhr, gab es in der Moschee einen Aufruf an die Frauen und Kinder, ihre Häuser, die zerstört werden würden, zu verlassen. In diesem Moment glaubte ich, sie würden alle Häuser in meinem Dorf zerstören; das konnte ich nicht aushalten. Denn ich dachte, wir würden kein Zuhause mehr haben. Ununterbrochen ging mir diese Vorstellung durch den Kopf. Ich konnte meine Angst kaum beherrschen.

Ich wollte anfangen zu weinen, aber mein Bruder hat mir alles erklärt: Dass nur die Häuser in der Nähe der Mauer zerstört werden würden. Ich fühlte mich ein bisschen besser. Aber eines machte mir Sorgen. Einige Leute würden ihr Zuhause verlieren und sich fühlen, wie ich mich gerade gefühlt hatte...?"

Oben: Wasim Nafez
Oben: "Die Mauer in Abu Dis", Shirin Wael, 12, Azzoun















Manar Awwad

"Es war der schwärzeste Tag in meinem Leben. Es war der Hochzeitstag eines der jungen Männer aus dem Dorf, Moin Mahmoud Assad. Die Soldaten kamen, als er sein Fest feierte. Am selben Tag rissen sie sein Haus ab.

Einige Leute kamen zu der Feier und sagten: "Es sind eine Menge israelischer Panzer und große Bulldozer da. Sie wollen euer Haus zerstören." Alle Leute rannten zu dem Haus und begannen, mit dem israelischen Kommandant zu diskutieren, ob sie einige Sachen aus dem Haus mitnehmen könnten. Der Mann, dessen Haus gerade abgerissen wurde, weinte. Er weigerte sich, sein Haus zu verlassen und sagte zu den Leuten: "Wenn sie mein Haus zerstören wollen, sollen sie es über meinen Kopf hinweg zerstören". Aber einige der palästinensischen Jugendlichen hielten ihn fest und sie brachten ihn aus dem Haus. Ihr könnt euch die Szenen an diesem Tag nicht vorstellen.

Seine Schwester kam. Sie in Qaffin verheiratet und war eigens zur Feier angereist. Aber das Fest wurde nicht zu Ende gefeiert weil sie sein Haus zerstörten. Ein schönes Haus, aber das war das Ende der Hochzeitsfeier. Sie rissen sein Haus ab".

Oben: "Wir werden solange protestieren, bis diese Mauer fällt", Nevin Nizar
Oben: Für den Mauerbau zerstörtes Geschäftsgebäude
















Nevin Nizar

"Sie haben das Land besetzt und die Bäume entwurzelt. Die Leute haben ihre Arbeit verloren. Die Lehrer können die Schule nicht erreichen, wegen der Mauer. Sie haben mich nicht zur Hochzeitsfeier meiner Tante in Baqa Gharbiyya durchgelassen".

Oben: "Die Mauer", Zeyneb Yousef
Oben: "Wir werden die Freiheit und unsere Rechte erlangen", Walaa', 16 aus Azzoun















Zeyneb Yousef

"Wow, es war ein wunderschöner Tag. Sonnig und Frühlingszeit. Aber es war auch ein trauriger Tag, weil die israelische Armee anfing, die Apartheidsmauer zu bauen. Diese Mauer hat unser Leben zerstört. Vor dem Mauerbau gingen wir unsere Verwandten in den umliegenden Dörfern besuchen und wir brachten Sachen aus diesen Dörfern mit.

Dann haben sie angefangen, diese Mauer zu bauen. Wir gingen zusehen, um zu verstehen, was sie vorhatten. Wir sahen die israelischen Panzer und Bulldozer. Sie haben die Häuser, die Gebäude, und den Markt zerstört und die Bäume entwurzelt.

Oh, mein Gott... Ich beobachtete all die Leute im Dorf und wie sie reagierten. Sie weinten und weinten, weil die ihre Häuser abrissen. Die israelische Armee beschlagnahmte ihr Land und entwurzelte ihre Bäume. Einige Menschen waren unglaublich wütend, weil sie auch noch den Markt zerstört haben. Unzählige Marktstände wurden einfach abgerissen, andere geschlossen, und all das, nur weil sie diese verdammte Mauer bauen wollen.

Jetzt können wir unsere Verwandten auf der anderen Seite der Mauer nicht mehr besuchen. In unserem Dorf können wir nichts kaufen, weil sie alle Geschäfte in unserem Dorf geschlossen haben. Wir müssen bis nach Tulkarem fahren, um Einkäufe erledigen zu können. Unsere Felder und Olivenhaine können wir wegen der Mauer auch nicht mehr erreichen. Also leben wir heute eingeschlossen in unserem kleinen Dorf, wir können nicht einmal die notwendigsten Dinge bekommen und wir haben alle unsere Rechte verloren.

Das Leben in unserem Dorf ist richtig unheimlich geworden. Die Mauer ragt ganz nah an unserem Haus in die Höhe.“

Oben: Aiya Jamil Ahmad, 12 Jahre
Oben: "Unsere Träume sind zertrümmert", Inas Jamil Ahmad Soliman




























Aiya Jamil Ahmed, 12

"Diese Mauer wurde gebaut und hatte viele schlimme Folgen. Leider haben alle Leute Probleme bekommen, weil sie sich nicht auf so etwas eingerichtet hatten. Sie wussten nicht, was wegen der Mauer alles passieren würde.

Die Leute haben ihre Jobs verloren und sind jetzt arbeitslos. Einige Leute können sich weder Fleisch, noch Brot oder sonst irgendetwas leisten. Die Löhne und die Erträge aus dem Verkauf ihrer Produkte sind auf ein Viertel des früheren Niveaus gesunken.

Lassen wir diese schlimmen Folgen beiseite und reden wir von dem, was die Mauer uns gelassen hat. Diese Mauer hat uns unsere einfachsten Rechte genommen, wie unsere Verwandten zu besuchen oder das Dorf zu verlassen, um auch nur zu einer Veranstaltung oder unseren Gärten zu gehen, sodass wir jetzt wie Vögel in einem Käfig sind. Wenn sie wollen, lassen sie uns raus gehen und wenn sie uns drinnen behalten wollen, behalten sie uns drinnen. Wir fangen an uns zu wünschen, dass wir sterben, weil wir keine Hoffnung für morgen haben.

Es gibt noch andere schlimme Auswirkungen. Wir können nicht kommen oder gehen, wenn wir keinen "Erlaubnisschein" haben. Die Soldaten schleichen immer öfter bei uns im Dorf herum. Wir können nicht schlafen, weil wir verängstigt sind. Viele Dinge kommen mir in den Sinn. Werden sie uns töten oder bombardieren, oder in unser Haus eindringen? Oder werden sie uns zwingen, unser Zuhause zu verlassen?
Die Mauer ist zu einem Albtraum geworden, der jede Nacht in meine Gedanken eindringt".

Oben: "Der Scharfschützenturm", Basma Fadel, 14
Oben: "Das Krankenhaus liegt hinter der Mauer, wir können es nicht mehr erreichen", Adham Ahkr, 11, aus Azzoun















Basma Fadel, 14

"Eine Katastrophe ist geschehen, aber anscheinend hat es niemand bemerkt. Alles ist schlimmer geworden nach dem Bau der Annektierungsmauer oder der Apartheismauer, wie sie auch genannt wird.

Die Mauer schließt uns endgültig in ein Gefängnis ein, in dem wir wie Sklaven leben. Viele haben aus ihren Löhnen keine Ersparnisse angelegt. Vieles ist für wertlose Dinge ausgegeben worden. Und dann ist dieses Unglück über uns hereingebrochen: der Mauerbau.
Von einem Tag auf den anderen hatten die Väter ihre Arbeit verloren. Mütter wurden von ihren Familien getrennt. Die Kinder können nicht zur Schule gehen. Die Lehrer, Ingenieure oder Arbeiter sind unglücklich, nicht mal die Braut erlebt noch Freude an ihrem Hochzeitstag. Kinder sind gezwungen, ihre Schulausbildung abzubrechen. Die Säuglinge können nicht mehr gestillt werden, weil die Mütter um 4 Uhr morgens zur Arbeit gehen und erst um 7 Uhr abends zurückkommen. Wie lange wird dieses Gefängnisleben dauern?

Jeder ist von dieser Mauer schwer getroffen. Aber ich hoffe, Palästina eines Tages von allem Leid befreit zu sehen".

Oben: "Die Mauer ist eine Schlange, die unsere Freiheit erwürgt", Hanan Awwad Abdel Wahab Hussein, 14
Oben: "Halt! Hier geht es nicht weiter!", riefen die beiden Soldaten, dann versuchten sie uns einzufangen, Malak Awad, 12
















Hanan Anwwad Abdel Wahab Hussein, 14

"Wir können unsere Freunde und Verwandten in Baqa Gharbiyya nicht mehr sehen. Die Mauer hindert die Kinder daran, zur Schule zu gehen. Die Bauern können nicht auf ihre Felder gehen. Häuser wurden zerstört, nur um die Mauer zu bauen. Sie haben die Natur vor unseren Augen geändert. Arbeiter und andere Leute dürfen die Tore nicht passieren, wenn sie keinen Erlaubnisschein haben. Sie haben all unser Land beschlagnahmt, um die Mauer zu bauen".


Bilder von Deema Naser
Oben: "Die Mauer", von Deema Naser
Oben: "Wir werden gegen diese Mauer kämpfen, bis sie fällt", Asma



Die oben stehenden Texte sind Auszüge aus "Die Mauer aus der Sicht palästinensischer Kinder". Die hier erzählten Geschichten und einige der Zeichnungen entstanden während des Child Rights Advocacy Workshops (Workshop für die Verteidigung der Rechte der Kinder) in Nazlet Issa. Die übrigen Zeichnungen wurden in Azzoun im Tamer Institute for Community Education im Juni 2005 angefertigt.






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