„Sie behandeln uns wie Tiere” - Augenzeugenberichte vom neuen Checkpoint
Stimmen aus Palästina, Palestinian grassroots Anti-Apartheid Wall Campaign, Mar 5, 2006
Das großmächtige Kontrollgebäude, das die Besatzungsmacht in Qalandiya gebaut hat, nimmt eine strategische Schlüsselstellung für die Kontrolle der PalästinenserInnen ein. Seit seiner Eröffnung im Dezember 2005 bedeutet dieser Ort tagtäglich Elend, Frustration und vor allem Demütigung für Tausende, die ihn auf dem Weg zur Arbeit, zur Ausbildung, zu Erledigungen und Verwandtenbesuchen passieren müssen. Eine repräsentative Auswahl jener PalästinenserInnen, die die Checkpointanlage immer wieder durchqueren müssen berichtet über ihre Erfahrungen und vermittelt, wie die Besatzungsmacht die Unterdrückung weiter steigert und das Leben der PalästinenserInnen unerträglich macht.
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| Oben: Das imposante Kontrollgebäude am Checkpoint Qalandiya wurde vor kurzem von der Besatzmacht neu errichtet. |
Hören wir als erstes Deema und Sabreen Abu Hyala und Dalal und Siham al Halwani. Die vier sind Schülerinnen der al Ahed-Oberschule in al-Ram, zwölf und dreizehn Jahre alt.
„Wir kommen jetzt um sechs Uhr morgens zum Checkpoint, manchmal schon um halb sechs. Morgens ist es immer sehr voll. Sie lassen uns eine Stunde warten, bevor wir durch die erste Drehtürschranke gehen dürfen. Diese Türen sind blockiert. Nur wenn das grüne Licht aufleuchtet können wir passieren. Zu Beginn der eigentlichen Kontrolle müssen wir an Detektoren mit Röntgenstrahlung vorbei. Unsere Taschen legen wir zur Durchleuchtung auf einen Tisch. Es ist wie beim Grenzübertritt nach Jordanien. Als erstes händigen wir ihnen unsere Geburtsurkunden aus. Dann schreien sie uns an, wir sollen zur nächsten Kontrolle kommen. Als Jugendliche haben wir noch keine Personalausweise, deshalb müssen wir unsere Geburtsurkunden vorzeigen. Einmal hatte Sabreen ihre Urkunde vergessen. Da haben sie sie zurück geschickt. Sie lügen: Jedes Mal wenn sie neue Methoden einführen, behaupten sie, das würde das Reisen leichter machen, aber in Wirklichkeit machen sie das Leben noch komplizierter.“
Eines der Mädchen fügt hinzu: “Ich habe immer Angst, wenn ich durch die Kontrollen muss. Ich habe Angst, dass irgendetwas, was ich mithabe, die Sensoren anschlagen lässt, besonders seit ich mit ansehen musste, wie ein Junge gezwungen wurde, seine Hosen auszuziehen. Als er durch den Metalldetektor ging, piepte es mehrfach. Deshalb forderten ihn die Soldaten auf, seine Jacke und seine Hose auszuziehen. Wie sich schließlich herausstellte, war es irgendein Metallteil an seiner Hose. So etwas ist sehr demütigend. Ich kann mich vor den Leuten und vor den Soldaten doch nicht ausziehen.“
Der zwanzigjährige Muhammed Maher studiert an der al-Quds Open Universität in Ramallah:
„Ich muss jeden Tag durch den Qalandiya-Checkpoint, und jeden Tag muss ich dort mindestens zwei Stunden warten, bis ich an der Reihe bin. Oft lassen sie niemand aus der Reihe, in der ich gerade warte, weiter. Es gibt fünf Reihen, und man muss einfach Glück haben, in der richtigen zu stehen.
Es ist, als ob man in ein anderes Land will oder aus einem Hafen abreist. Es ist wirklich schrecklich. Die eigentliche Kontrollprozedur dauert 15 bis 20 Minuten. Als erstes stecke ich meinen Personalausweis in ein kleines Loch, dann geben sie mir im Brüllton Anweisung, zur Leibesvisitation zu kommen. Ich muss Jacke und Gürtel ausziehen und meine Tasche und alle Metallgegenstände ablegen. Dann muss ich nebenan durch das Tor mit dem Röntgenapparat gehen. Es sind die gleichen Apparate wie sie auf der Allenbybrücke nach Jordanien benutzt werden, wenn Du die schon mal gesehen hast. Einmal piepste der Apparat, während ich durchleuchtet wurde. Es war grässlich, noch einmal durchgehen zu müssen. Ich frage mich, was das Leben wert ist, wenn ich das jeden Tag durchstehen muss.
Manchmal versuche ich bei Surda durchzukommen (ein Checkpoint nördlich von Ramallah, anderthalb Stunden Fahrzeit von Qalandiya, aber demnächst von Qalandiya aus überhaupt nicht mehr zu erreichen). Allerdings zahle ich für die Fahrt drei- bis viermal soviel wie über Qalandiya, und es ist sehr langwierig.
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| Oben: „Sie zwingen Dich in diese elende und demütigende Situation, und dann setzen sie Dir diese Rose vor.“ |
Die Besatzungsmacht hat auf die Mauer des Schaltergebäudes eine Rose malen lassen. Es ist gespenstisch. Ich weiß nicht, was die sich dabei gedacht haben. Wenn Du das Ding siehst, weißt du echt nicht, was Du machen sollst. Ich würde sie am liebsten zerreißen. Zuerst zwingen sie dich dir diese elende und demütigende Situation auf und dann setzen sie Dir eine Rose vor die Nase. Das ist für uns kein Zeichen der Hoffnung, es zerstört unsere Hoffnung.“
Amani Syam, 22:
„Ich studiere an der Abu Dis-Universität. Ich muss täglich den Checkpoint Qalandiya passieren und es ist einfach schrecklich. Es bedeutet endlose Warterei, bevor Du zur Uni kommst. Ich muss zwei Stunden warten, bis ich an die Reihe komme. Ich habe oft Vorlesungen versäumt, besonders in der ersten Zeit nach der Eröffnung des neuen Checkpoints. Palästinenser mit Personalausweisen aus dem Westjordanland durften überhaupt nicht passieren. Langsam wurde mir klar, dass ich täglich so lange warten würde müssen. Jetzt komme ich zwei Stunden vor Vorlesungsbeginn. Die Kontrollprozedur ist schlicht Wahnsinn. Du kommst Dir wie ein Verbrecher oder ein Tier vor. Das Schlangestehen ist demütigend, Du weißt ja, es geht nur darum, dass Du Zeit verlierst und schlecht behandelt wirst. Mit so etwas wie Sicherheit hat es überhaupt nichts zu tun. Auf diese Weise versuchen sie „Grenzen“ durchzusetzen. Es ist eine politische Sache, auch die Rose haben sie hier angebracht, um uns noch wütender und frustrierter zu machen. Sie spielen mit unseren Gefühlen. Ich weiß nicht, wie ich so weiter leben soll. Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag.“
Ahmed Ayyesh, 27, aus Biddu:
„Ich arbeite in Ramallah. Ich muss jeden Tag durch die neue Checkpointanlage. Seit dem Beginn der zweiten Intifada kam ich oft sehr spät zur Arbeit. Deshalb beschloss ich, nach Ramallah umzuziehen, um meinen Job nicht zu verlieren. Alle drei Tage fuhr ich nach Hause, um meine Familie zu sehen und meine Kleidung zu waschen.
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| Oben: Menschen warten darauf, „dass eine Leuchte auf grün umschaltet“. Erst dann können sie durchgehen. |
Vor kurzem töteten palästinensische Widerstandkämpfer am Checkpoint Qalandiya einen israelischen Soldaten. Daraufhin wurde der Checkpoint gesperrt und ich konnte drei Wochen lang nicht zu meiner Familie. Gestern hatte ich mir vorgenommen, sie zu besuchen. Als ich an den neuen Terminal kam, war ich schockiert. Du hast das Gefühl, dass du in ein anderes Land gehst, es ist wie die Brücke (nach Jordanien). Eine wartende Menschenmenge, Soldaten, die durch Lautsprecher schreien. Eine entsetzliche Stimmung. Alle Warteschlangen standen vor geschlossenen Schaltern - rund sechshundert Personen warteten, darauf, dass eine Leuchte auf grün umschaltete. Endlich nahm ein Schalter die Arbeit auf, aber die anderen blieben geschlossen. Ich wartete über eine Stunde, um dran zu kommen – vergeblich. Was Du hörst, sind Soldatenstimmen aus mehreren Lautsprechern, alle auf einmal. Du verstehst nicht, was sie sagen. Du siehst sie auch nicht. Es ist laut und macht Dich krank. Plötzlich wurden die Soldaten nervös und schrieen uns an, wir sollten die Warteschlangen verlassen und in den Warteraum gehen. Ich habe noch vierzig Minuten gewartet und bin dann nach Ramallah zurückgefahren.
Die widerlichste Provokation ist die Rose, die sie an der Seite des Kontrollgebäudes angebracht haben. Sie behandeln uns wie Tiere – und dann setzen sie uns Rosen vor!“
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