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Stimmen aus Palästina
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"Wir leben mit der ständigen Angst, verhaftet zu werden" - StudentInnen hinter der Apartheidmauer
Stimmen aus Palästina, The Palestinian Anti-Apartheid Wall Campaign, Mar 9, 2007

Oben: Studieren unter Besatzung - Schon der Weg zur Uni ist mit Schwierigkeiten und Risiken gepflastert.
Ich heiße Omar Deriah. Ich studiere Betriebswirtschaft an der Universität von Bir Zeit. Ich stamme aus Aqraba im Bezirk Nablus, lebe aber jetzt in Bir Zeit. In meinem Fach beträgt die normale Studiendauer drei Jahre, aber ich studiere bereits vier Jahre, aus Gründen, die ich im Folgenden beschreiben will.

Anfangs hatte ich vor, zu Hause bei meiner Familie zu leben und jeden Tag zur Universität Bir Zeit zu pendeln. Auf dem Weg dorthin liegen jedoch drei Checkpoints, die ich jedes Mal passieren muss. Der erste ist der Huwara-Checkpoint, dann kommt der Yizhar-Checkpoint und der letzte ist Za'tarah. Sobald ich vor den Toren Ramallahs ankomme, habe ich die Wahl, ob ich durch den Qalandiya-Checkpoint oder den Atarah-Checkpoint gehe. Und natürlich muss ich außerdem noch jedes Mal mit wechselnden Straßensperren, den so genannten „flying checkpoints“, rechnen.

Die Beeinträchtigungen durch die Checkpoints sind der Hauptgrund dafür, dass ich heute in Bir Zeit lebe. Bevor es sie gab, dauerte es nicht mehr als eine Dreiviertelstunde von Nablus nach Bir Zeit. Für StudentInnen, die in der Nähe von Nablus wohnten, war es nicht nötig, für das Studium nach Bir Zeit umzuziehen. Heute braucht man wegen der Checkpoints für denselben Weg mindestens drei Stunden – aber auch nur dann, wenn man Glück hat. Für Studenten wie mich, die neben dem Studium auch noch ehrenamtlich tätig sind, oder anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, bedeutet das, erst extrem spät nach Hause zu kommen. Die Fahrt zwischen der Uni und meinem Elternhaus kann manchmal aber auch wesentlich länger als drei Stunden dauern. Wir sind ganz von der Laune der Soldaten am Checkpoint abhängig.

Einmal, vor etwa einem Jahr, wurde ich auf dieser Strecke von Nablus kommend gezählte 24-mal angehalten, bevor ich schließlich in Bir Zeit eintraf. Damals war aber nicht etwa die Zahl der permanenten Checkpoints erhöht worden. Ein einziger Militärjeep, den wir vor unserem Wagen hatten, bescherte uns dieses Erlebnis. Er fuhr 10 Minuten, hielt an und stoppte dann für ein bis zwei Stunden den gesamten nachfolgenden Verkehr. Das ging so auf dem ganzen Weg bis nach Ramallah. Um 9.00 Uhr morgens hatte ich den Hawara-Checkpoint nahe meinem Dorf passiert. In Bir Zeit kam ich aber erst um 18.00 an. Zusätzlich zu diesen improvisierten 24 Straßensperren mussten wir auch noch an den normalen Checkpoints warten.

Oben: Militärjeeps an der Zufahrtsstraße zum Unigelände von Bir Zeit
Wenn wir die großen Checkpoints wie Hawara passieren, müssen wir aus dem Wagen aussteigen und ein paar Meter zu Fuß auf die andere Seite gehen. Die Soldaten durchsuchen uns und unsere Taschen. Manchmal geben sie einem einen Zettel, mit dem du aufgefordert wirst, dich beim DCO [Büro, das die Zusammenarbeit der israelischen und palästinensischen Behörden koordiniert] zu melden. Mir ist das einmal passiert, aber ich bin nicht hingegangen. Sollte man mir in Zukunft noch einmal so einen Zettel geben und ich dem Befehl nicht Folge leisten, kann ich damit rechnen, geschlagen oder auf andere Weise gedemütigt zu werden. Beim dritten Mal gilt es als eine militärische Anordnung und ihrem Gesetz zu Folge können sie dich ins Gefängnis stecken, wenn du nicht gehorchst.

Am Checkpoint befehlen die Soldaten den Menschen häufig, ihre Sachen auszuziehen. Wenn es ihnen einfällt, eine bestimmte Person nicht durchzulassen, halten sie sie an und lassen sie einfach nicht durch. Manchmal wartet man ein bis zwei Stunden ohne irgendeinen Grund. Andere Male sagen die Soldaten den Leuten nach langem Warten, sie sollen nach Hause gehen, der Checkpoint wäre geschlossen. Das ist einzig und allein von der Laune der Soldaten abhängig.

Natürlich ist es für mich eine große finanzielle Belastung, nicht bei meinen Eltern wohnen zu können und Unterkunft und Verpflegung in Bir Zeit bezahlen zu müssen. Pro Woche verbrauche ich allein für Lebensmittel und öffentliche Transportmittel mindestens 150 Schekel. Dazu kommen aber noch die Kosten für Miete, Wasser und Strom. Insgesamt ist es unheimlich teuer, in Bir Zeit zu wohnen.

Mein Vater hat vor der Intifada 23 Jahre lang in Israel gearbeitet. Dann wurde aber mein Onkel, der politischer aktiv ist, plötzlich auf die israelische Fahndungsliste gesetzt. Die Besatzungsbehörden stellten meinen Vater vor die Wahl: Entweder müsse er seinen Bruder dazu bringen, sich zu stellen, oder er verliere seinen Arbeitsplatz in Israel. Wenn er sich weigern sollte, Druck auf seinen Bruder auszuüben, würden sie außerdem seinen Söhnen und Töchtern verbieten, das Dorf zu verlassen.
Natürlich wollte mein Vater seinen Bruder nicht dazu bringen, sich an die Behörden auszuliefern, also verlor er seine Arbeit und uns allen wurden eine Menge Reiserestriktionen auferlegt. Mein Vater bekommt seither keine Arbeitserlaubnis mehr – aus "Sicherheitsgründen", wie es heißt. Also wurde er arbeitslos. Vier Jahren ging das so: er war zu Hause ohne jede Arbeit obwohl vier seiner Kinder an der Universität Bir Zeit studieren.

Es ist nicht leicht, mit dieser Situation fertig zu werden. Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Wir müssen unsere Studien abschließen, weil dies der einzige Weg ist, im Leben voranzukommen. Wir haben keine andere Möglichkeit: Selbst wenn wir ohne Abschluss arbeiten wollten, gibt es in diesem Land unter Besatzung keine Jobs. Bildung ist die einzige Perspektive. Also müssen wir uns in Schulden stürzen, um einen Universitätsabschluss vorweisen zu können. Hier tut man alles, nur um das Studium zu beenden.

Nach vier Jahren ohne Arbeit hat mein Vater ein kleines Geschäft eröffnet. Er verdient nicht viel Geld, gerade genug, um die einfachen Lebenshaltungskosten zu decken. Besonderen Luxus gönnen wir uns ohnehin nicht. Während des Studiums konnten wir selbst die Studiengebühren nicht bezahlen. Wir sind abhängig von der finanziellen Unterstützung aus der arabischen Welt, die in Form von Stipendien zur Verfügung gestellt wird. Gegenüber der Universität haben wir StudentInnen außerdem immer wieder versucht Druck auszuüben, um eine Senkung der Gebühren zu erreichen und gleichzeitig eine bessere Uniausstattung durchzusetzen. Irgendwie geht das Leben weiter.

Oben: Für uns StudentInnen sind die Studiengebühren eine große Belastung - Bleibt der internationale Finanzboykott in Kraft, muss die Universität in drei Jahren aber überhaupt schließen.
Anfangs studierte ich Informatik. Ich war gar nicht schlecht. Aber nach drei Jahren musste ich mein Studium abbrechen. Das hatte mehrere Gründe: Erstens hatte ich nicht genügend Geld, um die Lehrveranstaltungen zu bezahlen. Neben den Kursgebühren fallen auch weitere Kosten an. Man muss Zusatzausbildungen belegen, die $300 bis $1200 kosten, die in den Studiengebühren nicht inkludiert sind. Ich konnte mir das einfach nicht leisten. Also brach ich Informatik ab und wählte als Hauptstudium Betriebswirtschaft, weil das billiger ist und man nach dem Studium leichter einen Job findet.

Tatsächlich zahle ich nicht die vollen Gebühren. Der Kurs sollte eigentlich 500 jordanische Dinar pro Semester kosten, ich zahle aber nur 100,-. Von finanziellen Problemen sind besonders am Anfang des Semesters eigentlich alle StudentInnen betroffen. Daher organisierten wir zu Semesterbeginn immer wieder Streiks. Es ist uns dadurch gelungen, die Universitätsverwaltung zu bewegen, die Studiengebühren zu senken. Manchmal streiken wir für einen ganzen Monat lang. Es gibt dann offiziell keine Vorlesungen, inoffiziell aber schon. Gleichzeitig übt die StudentInnenvertretung Druck aus.

Doch die Verzögerung des Studienbeginns für die streikenden StudentInnen ist die Ursache für weitere Probleme. Die wegen des Streiks verspätete Anmeldung zu den Kursen hat zur Folge, dass diese größtenteils bereits voll belegt sind. Studenten, die sich die hohen Studiengebühren von 500 Dinar leisten können, streiken nicht und schreiben sich schon früher ein. Auch ich stand vor dem Problem, auf andere Fächer ausweichen zu müssen, da die Kurse, die ich eigentlich belegen wollte, schon voll waren. Ich kann sie frühestens im nächsten Semester besuchen. Dadurch verzögert sich mein Studium.

Meine Schwester studiert ebenfalls in Bir Zeit und sie war aus den gleichen Gründen gezwungen, dieses Semester auszusetzen. Ich selbst liege wegen der Streiks schon ein Jahr hinter dem Studienplan. Ich werde daher vier statt drei Jahre studieren müssen. Unsere akademische Ausbildung hängt also ganz unmittelbar von der wirtschaftlichen Situation ab.

Aber nicht nur der einzelne Student und die einzelne Studentin, sondern die ganze Universität ist davon betroffen: Erstens muss die Uni mit einem sehr begrenzten Budget auskommen, weil viele StudentInnen nicht in der Lage sind, die Gebühren aufzubringen. Das hat auch zur Folge, dass die finanziellen Mittel fehlen, um die Ausstattung der Uni zu finanzieren. Zweitens verlassen LektorInnen und ProfessorInnen die Universität, weil sie nicht angemessen für ihre Leistung bezahlt werden. Besonders seit die internationale Gemeinschaft sich entschlossen hat, die Autonomiebehörden-Regierung finanziell zu boykottieren, ist es viel schlimmer geworden. Aber auch zuvor erhielt das Lehrpersonal bei Weitem nicht das, was im akademischen Bereich angemessen wäre. Ein Professor, der sich in einem gefragten Fachgebiet spezialisiert hat, bekommt hier in Bir Zeit eventuell weniger als ein Drittel des Gehalts, das er an einer Universität im Ausland verdienen könnte. Die Anreize wegzugehen sind also groß. Das Lehrpersonal, dass die Universität von Bir Zeit verlässt, tut dies überwiegend deshalb, weil Gehälter entweder überhaupt nicht ausbezahlt werden können, oder aber zu gering ausfallen.

Die Studenten andererseits haben wegen ihrer finanziellen Notlage nicht die nötige Zeit zum Lernen. Ein Student, der nur an das Studieren denkt, wird Schwierigkeiten haben, das Geld für Miete, Rechnungen und andere Ausgaben aufzutreiben. Wir befinden uns in einem ewigen Dilemma: Wer für einen Kurs eine zusätzliche vertiefende Forschungsarbeit in Angriff nehmen möchte, kann nicht damit rechnen, von der Universität dafür finanzielle Mittel zu erhalten. Wenn also für Druck, Transport und andere Dinge Kosten entstehen, kann das zwar sehr teuer werden, aber der Student/die Studentin selbst muss dafür aufkommen. Wer das Geld dafür nicht hat, muss es erst mal erarbeiten. Studentenjobs bringen aber nicht viel Geld – nur etwa fünf Schekel die Stunde. Nach der Arbeit ist man so müde, dass man nicht studieren kann. Ich selbst arbeite auch nachts. Dann schaffe ich es vor Erschöpfung nicht, die Vorlesungen am Morgen zu besuchen. Ich kenne viele StudentInnen, die für fünf Schekel die Stunde arbeiten müssen. Sie kommen nachts um elf oder zwölf nach Hause und sind zu müde, um zu lernen. Darunter leiden natürlich ihre Noten.

Für die palästinensischen Universitäten und ihre StudentInnen sieht die Zukunft düster aus. Die Autonomiebehörde sollte eigentlich einen Teil der Finanzierung der Universität übernehmen, was aber aufgrund des internationalen Finanzboykotts nicht möglich ist. Wenn sich die Situation nicht ändert, muss die Universität Bir Zeit in drei Jahren schließen.

Nur einmal im Monat fahre ich nach Hause nach Nablus, weil der Rückweg wegen der Checkpoints so umständlich ist. Ich mag die Checkpoints nicht, weil ich weiß, dass sich die Soldaten je nach Lust und Laune verhalten. Sie könnten mich ohne jeden Grund verhaften. Das Risiko besteht immer. Werde ich ins Gefängnis geworfen, dann sind all die Jahre verloren, die ich mich nun schon mühsam durch das Studium kämpfe.

Ich besuche auch aus einem anderen Grund nur selten mein Dorf: Es gibt nichts zu tun in Aqraba. Also bleibe ich lieber in Bir Zeit und mache etwas, womit ich meine Fähigkeiten ausbauen kann. Außerdem kostet es mich 50 Schekel, nach Hause und wieder zurück zu fahren. Würde ich an jedem Wochenende zu meiner Familien fahren müsste ich in einem Monat nur für die Fahrt 200 Schekel ausgeben, die ich für nützlichere Dinge verwenden kann.

Was unsere Ausbildung am Stärksten beeinträchtigt, sind die Verhaftungswellen unter den StudentInnen. Es reicht schon, wenn du dich in der StudentInnenbewegung engagierst, oder in der Fakultätsvertretung aktiv bist. Dieses Engagement für die Universität wird von der Besatzungsmacht bereits als Verstoß gegen ihre Militärgesetze ausgelegt. Jeder aktive Studierende riskiert daher, verhaftet und interniert zu werden. Deine Zeit im Gefängnis kann immer wieder verlängert werden. Einige KollegInnen verschwinden für drei Monate hinter Gitter, andere für ein ganzes Jahr. Wenn StudentInnen auch noch außerhalb der universitären Zusammenhänge politisch aktiv sind, können sie jederzeit verhaftet werden und für lange Zeit in den Gefängnissen der Besatzer verschwinden. Diese Bedrohung betrifft sehr viele StudentInnen und hat nachhaltige Auswirkungen auf unsere universitäre Ausbildung.

Im ersten Semester, wenn neue StudentInnen kommen, tauchen regelmäßig auch die Agenten des israelischen Geheimdienstes auf. Eine eigene Abteilung ist direkt auf die palästinensischen Universitäten angesetzt und durchleuchtet jeden einzelnen Studenten und jede Studentin bis ins Detail. Sie versuchen auch über ausländische StudentInnen, die sich an der Universität Bir Zeit inskribieren, in Wahrheit aber für die israelischen Geheimdienste arbeiten, an Informationen heranzukommen. Es gibt jede Menge Geschichten über diese verdeckten Ermittler. Vielen ist man auf die Schliche gekommen. Die fliegen im hohen Bogen von der Uni.

Der israelische Geheimdienst macht auch immer wieder ausgedehnte Razzien in den StudentInnenheimen. Davor fürchten sich alle. Wir wissen schon ungefähr, wann sie kommen. Meist ist es im ersten Monat des Semesters. Man könnte sagen, wir erwarten sie schon. Sie kommen mitten in der Nacht. Um 12, oder um 2 Uhr, manchmal um 3 Uhr morgens. Einmal bin ich bei einer dieser Razzien verhaftet worden. Sie sind oft über unsere Wohnungen hergefallen, aber dieses eine Mal haben sie mich verhaftet. Damals war das Rollkommando von einem höheren Offizier begleitet. Er sagte, „du kommst mit“ und zeigte auf mich. Er hatte nicht speziell nach mir gesucht. Er sah sich um und nahm einfach jeden mit, der ihm gelegen kam. Wir wurden abfotografiert und ausgefragt. Über jeden einzelnen Studierenden legen sie eine Akte an.

Andere Male kommen die Kommandos mit einer langen Namensliste. Dann läuft die Razzia völlig anders ab, als mit den Geheimdienstleuten. Die fragen uns nur aus und wollen so viel Informationen wie möglich aus uns StudentInnen herausholen. Wenn aber die Soldaten mit ihrer Fahndungsliste auftauchen, dann kommen sie, um Leute zu holen.

Als ich weggebracht wurde, war ich noch gerade erst auf die Universität gekommen. Sie wollten also wissen, mit wem sie es zu tun hatten. Sie versuchen von Anfang an, deine Persönlichkeit einzuschätzen. Sie erforschen das bisherige Leben und die Familiengeschichte jedes und jeder einzelnen, um daraus abzulesen, ob und wie sie mit dir fertig werden.

In jener Nacht fielen sie über unsere Wohnung her. Die Soldaten brüllten, ich solle rauskommen. Ich musste mit ihnen gehen. Sie stopften mich gemeinsam mit 70 anderen StudentInnen in einen gepanzerten Bus ohne Sitzbänke. Sie verbanden uns die Augen und fesselten unsere Hände. Dann wurden wir zum Militärstützpunkt Al Farr gebracht. Der Bus fasste gerade Mal 30-40 Personen, wie uns die Wachen sagten. Wir aber waren zu siebzigst. Es war furchtbar.

Als der Militärtransporter endlich anhielt, wurden uns die Augenbinden abgenommen. Wir wurden einem Beamten vorgeführt, der sich mit ausgesprochen freundlichen Worten an uns wendete. Er trug keine Uniform, sondern Zivilkleidung und war auch sonst ganz anders, als die Soldaten, die wir von den Checkpoints gewohnt waren. Er sprach ganz ruhig mit uns, begann aber, beiläufig immer mehr Fragen über unser Leben zu stellen. Sinn dieser ganzen Behandlung ist es, Dich zur Kollaboration zu bewegen. Sie testen Dich, um Deine Reaktionen zu analysieren. Der freundliche Beamte ist ein geschulter Psychologe. Die sind darauf trainiert, Dich dahingehend abzuklopfen, ob in Dir ein potentieller Kollaborateur steckt. Außerdem versuchen sie, genau zu verstehen, wie wir StudentInnen denken. Das ist das Ziel der ganzen Inszenierung.

Oben: Die Besatzung endet nicht vor den Toren der Universitäten - StudentInnenproteste werden mit Tränengas und Stahlgeschossen auseinandergetrieben.
Manchmal wird die Uni frontal von den Besatzungstruppen angegriffen. Dann riegeln sie die Zufahrtsstraßen mit Militärsperren ab. Manchmal errichten sie direkt an der Einfahrt zur Universität einen Checkpoint. Einmal griff eine Patrouille aus zwei Militärjeeps das Unigelände an. Die Soldaten provozierten die StudentInnen und versuchten sie nervös zu machen. Dann flogen die ersten Steine. Darauf hatten die Soldaten offenbar gewartet, denn sie zogen Videokameras heraus und filmten all jene StudentInnen, die Steine warfen.
Viele StudentInnen wurden wegen Steinwürfen gegen Militärjeeps verhaftet. Ein halbes Jahr sperren sie dich dafür weg. Das bedeutet, du verlierst ein ganzes Semester.

Der Besatzungsmacht ist sehr daran gelegen unsere Ausbildung zu sabotieren. Das heißt aber nicht, dass sie unsere Universitäten und Schulen einfach schließen. Sie wollen es mit indirekten Mitteln schaffen, zu verhindern, dass wir lernen und uns bilden: mit den unerträglichen Umständen, die sie Tag für Tag verfestigen, mit dem psychologischen Druck auf die StudentInnen, mit der politischen Verfolgung und der finanziellen Austrocknung durch die Abriegelung Palästinas und das Besatzungsregime, dass sie uns aufzwingen.
Ich habe, so wie jeder andere Studierende, zwei Möglichkeiten: Entweder, ich gebe auf und breche mein Studium ab, oder ich beende es, trotz all dieser unglaublichen Schwierigkeiten.

Palästinensische StudentInnen sind unter diesen Umständen einer sehr harten sozialen Situation ausgesetzt. Unser Leben, unsere Möglichkeiten, unsere Vorstellungskraft und Kreativität, alles wird unterdrückt. Dir ist lediglich gestattet, zu leben. Wir StudentInnen leben mit der ständigen Angst, verhaftet zu werden. Das bringt die Gefahr mit sich, dass deine Persönlichkeit sich in ein korruptes Etwas verwandelt. Aber wir brauchen starke Persönlichkeiten, die in der Lage sind, etwas aufzubauen, zu investieren, zu entwickeln. Aus der Besatzungssituation, den ständigen Einschränkungen, mit denen wir konfrontiert sind, den Verhaftungen und Demütigungen sollen aber Charaktere hervorgehen, die sich nur mehr um ihr Privatleben kümmern, die schlecht ausgebildet sind und denen es an freiem Geist, an Vorstellungskraft und an Kreativität mangelt.

Das führt zu einer Situation, in der StudentInnen Angst davor haben müssen, ihre Fähigkeiten und Persönlichkeit zu entwickeln, denn sie können jederzeit kommen, um dich abzuholen. Dazu kommt, dass keiner weiß, was genau die Soldaten gerade noch akzeptieren und was nicht. Immerhin werden immer wieder Leute verhaftet, die sich überhaupt nicht engagieren. Ich bin überzeugt davon, dass uns die Israelis als ungebildete Masse wollen. Wenn ein Studierender nur stur den Richtlinien der akademischen Ausbildung folgt und ansonsten passiv ist, dann wird er zwar in der Lage sein, später seinen Beruf auszuüben, aber er wird der Gesellschaft an sich kaum etwas geben können, im Vergleich zu einem Menschen, der sich Lebenserfahrung und praktisches Wissen angeeignet hat.

Während wir StudentInnen all diesem Druck der Besatzung ausgesetzt sind, versuchen wir, oft unter großen Opfern, gegen dieses Regime Widerstand zu leisten und seine Politik scheitern zu lassen. Es ist ein unendlicher kontinuierlicher Kampf. Auf der einen Seite das Besatzungsregime, dass uns zerstören will, auf der anderen Seite wir StudentInnen, die sich dagegen auflehnen und der Besatzung die Stand halten wollen – und wir werden durchhalten, bis diese Besatzung zu Ende ist, egal was es uns kostet.

Die Besatzer sind dazu übergegangen, die Universitäten nicht mehr direkt zu schließen, wie noch während der ersten Intifada. Damals waren die palästinensischen Universitäten für ganze sechs Jahre gesperrt. Heute greifen sie nur mehr für kurze Perioden auf dieses Mittel zurück. Aber sie haben einen anderen Weg gefunden: Mit den durch die Besatzung geschaffenen finanziellen Problemen, der totalen Abriegelung Palästinas nach außen und im Inneren und den tagtäglichen Demütigungen soll unsere Hoffnung auf eine bessere Zukunft zerstört werden. Heute arbeiten sie nicht mehr mit der Schließung der Universitäten – mit den geschilderten Maßnahmen soll letztlich aber das Bewusstsein und die Freiheit der StudentInnen selbst verriegelt werden.

Um als Studierender verstehen und begreifen zu können, braucht man eine Atmosphäre der Freiheit. Erst dann kann sich der Geist entfalten. Wenn der Mensch aber in einem Meer aus privaten Problemen versinkt, dann wird es ihm schwer fallen, die gesellschaftlichen Probleme wahrzunehmen. Sein Blick ist durch seine eigenen Schwierigkeiten verstellt.

Vergleicht man unsere Situation mit jener der israelischen Studierenden, dann fällt umso stärker auf, wie sehr unser Leben als palästinensische StudentInnen eingeschränkt ist und regelrecht eingesperrt verläuft. Die Israelis haben die palästinensische Wirtschaft durch die totale Abriegelung unseres Landes zerstört. Die Bildungseinrichtungen sind von der Außenwelt abgeschnitten, ebenso wie die Hoffnungen von uns StudentInnen. Israelische Studierende hingegen genießen einen sorgenfreien Universitätsalltag, ohne Kämpfe, ohne existentielle Schwierigkeiten. Ihre Regierung stellt finanzielle Unterstützung bereit. Ihre DozentInnen sind gut bezahlt. Israelische StudentInnen können sich frei bewegen, reisen. Sie können ihre Ausbildung auf ausländischen Universitäten vervollkommnen.
Für palästinensische StudentInnen sieht die Situation ganz anders aus: Wer den Israelis politisch nicht genehm ist, darf nicht ausreisen und zwar auch dann nicht, wenn er oder sie es geschafft hat, irgendwo ein Stipendium zu bekommen. Israelische Studierende dürfen frei denken und sich frei bewegen – das unterscheidet ihre Situation so wesentlich von jener, die uns unter der israelischen Besatzung aufgezwungen wird.

Die Mauer beeinträchtigt das palästinensische Bildungssystem nachhaltig, denn klarerweise ist der Zugang zu Bildung von der politischen Situation abhängig. Die Mauer hindert Menschen physisch daran, ihr Universitäten zu erreichen. Aber sogar wenn kein direktes Hindernis, wie die Mauer oder ein Checkpoint zwischen uns und unseren Instituten errichtet wird, sind es andere subtilere Mechanismen, die Barrieren schaffen. Nehmen wir den ökonomischen Druck: Viele Studentinnen stammen aus Familien, die von der Landwirtschaft leben. Die palästinensische Wirtschaft ist nach wie vor stark agrarisch geprägt. Viele Familien haben in den letzten 4 Jahren ihr Land verloren. Es wurde zwangsenteignet und liegt heute unerreichbar hinter der Mauer. Für viele StudentInnen bedeutete das auch das Ende ihrer akademischen Laufbahn.

Die Mauer ist aber nicht nur ein physisches Gebilde. Sie steht für eine bestimmte Kultur. Als physische Barriere hindert sie die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit und das hat schwerwiegende wirtschaftliche Verluste zur Folge, denn für die ProduzentInnen ist es heute unmöglich, ihre Produkte zu den KonsumentInnen zu bringen. Wenn sie nicht an der Mauer scheitern, dann an den Checkpoints. Für uns StudentInnen repräsentiert die Mauer aber auch eine Kultur der Frustration. Ich nehme sie als Mauer eines Gefängnisses wahr, in das wir eingeschlossen werden; Damit soll uns nicht nur unsere Bewegungsfreiheit genommen werden, sondern auch unsere Zukunft, unsere Hoffnung und unsere Fähigkeit, frei zu denken.


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